300 Jahre St. Petersburg
Des Jammers goldene Kulisse
Von Johannes Voswinkel
Nina Alexejewna könnte eher ein Steinbrocken auf den
Kopf fallen, wenn sie nach Hause zurückkehrt. Sie wohnt in einem typischen
St. Petersburger Backsteinbau, dessen gewaltige Mauern vier schluchtgleiche
Innenhöfe umschließen. 1914 wurde das Haus in der Nekrassow-Straße gebaut.
Seitdem hat kein Handwerker die Außenwände bearbeitet. Die ornamentalen
Figuren an den Fassaden sind abgeplatzt, und manche der Balkons neigen
sich zum Bürgersteig hin. Das Schutzgitter über den Köpfen der Passanten,
auf dem sich Steinstücke und Mörtelplatten sammeln, erweckt nur bedingt
Vertrauen. Es zieht sich zwar rund um das Haus, doch an vielen Stellen
ist es verrostet und eingerissen.
Geld und Farbe reichen nicht für die Rückseiten der
Gebäude
An Ninas Wohnungstür hängen vier Klingelknöpfe – für
einige Nachbarn in der Kommunalka, wie die kommunalen Gemeinschaftswohnungen
heißen. Im verwinkelten Flur läuft ihr Sohn Andrej Rollschuh. „Hier herrscht
jetzt Anarchie“, sagt Nina mit leichtem Triumph. Das Regiment der alten
Frauen, die mit keifenden Stimmen den Kindern jede Bewegung verboten,
hat sie auf ihren 27 Quadratmetern ausgesessen und überlebt. Jüngere sind
in die sechs anderen Räume nachgezogen. Ninas Zimmer liegt links der Wohnungstür,
mit Stuck, Wasserflecken und einem Muster aus Rissen an der Decke, aus
dem auch manchmal Putz herabrieselt. Über ihre 28 Jahre in der Kommunalka
weiß sie viel zu erzählen, sobald der Tee aufgegossen ist. Zum Jubiläum
fällt ihr nur ein Satz ein: „Das ist eine Feier für die Beamten und Ausländer,
aber nicht für die Menschen der Stadt.“
Wenige hundert Meter von Ninas Haus entfernt, zu beiden
Seiten des Newskij-Prospekts, haben in den vergangenen Monaten Hunderte
von Arbeiterbrigaden Paläste und Kirchen restauriert. Sie strahlen nun
prachtvoller als auf ihren Ansichtskarten. Die Stadt ist schöner geworden
entlang der präsidialen VIP-Routen. Doch ihre Fassaden sind von Potemkinscher
Raffinesse. Einst wurde St. Petersburg als Metropole der Wissenschaften
gepriesen und für seine Revolutionäre und Blockade-Helden gefeiert. Heute
zeigt sich beim Blick hinter die Kulissen eine heruntergekommene Gebietshauptstadt.
Irgendwo zwischen Weltkulturmetropole und Provinz hat St. Petersburg seine
Identität verloren.
Die städtische Infrastruktur ist auf maximal drei Millionen
Bewohner eingerichtet. Aber es leben 4,8 Millionen in Europas viertgrößter
Stadt. Im letzten Winter fiel in mehreren Vierteln immer wieder der Strom
aus. Links und rechts der Prachtstraßen führen dunkle Torbögen zu verfallenen
Häusern, mit vorrevolutionären Kanalisationsrohren und Heizkörpern aus
den Jahren des Ersten Weltkriegs. Bei der Renovierung des alten Kaufhauses
Gostinyj Dwor reichten Geld und Farbe nicht für die Rückseite des Gebäudes.
Riesige Reklametafeln verdecken die blinden Fenster leer stehender Ruinen.
„Hier wird eine Leiche geschminkt“, spotten Petersburger.
Zwar hat der Umbau der St. Petersburger Industrie,
in der einst militärtechnische Kombinate vorherrschten, vom allgemeinen
Wirtschaftsaufschwung in Russland profitiert. So holte die Lebensmittelproduktion
den Maschinenbau an Bedeutung ein: St. Petersburg ist in Russland mittlerweile
führender Hersteller von Bier und Pelmeni, den berühmten Teigtaschen.
Doch die Schlüsselinvestitionen solcher Firmen wie Ford, Kraft, Philip
Morris und Ikea pickte sich das investorenfreundliche Umland heraus, das
sich anders als die Stadt nicht umbenannt hat und immer noch Leningrader
Gebiet heißt. Die St. Petersburger Stadtverwaltung gilt dagegen unter
Wirtschaftsvertretern als undurchsichtig und besonders korrupt.
Den Niedergang der Stadt verstärkte die Zerrissenheit
ihrer Bevölkerung. „Wir haben drei Städte in einer“, fasst der St. Petersburger
Soziologe Roman Mogiljewskij seine Untersuchungen zusammen. „Ein Drittel
der Bewohner nenne ich Petersburger: Sie beziehen ihr Selbstverständnis
aus der fernen Geschichte der Stadt in Weltoffenheit und Aufklärungsstreben,
plädieren für ein freiheitliches System, wohnen zumeist in der Innenstadt.“
Das zweite Drittel seien die „Leningrader“, die vor allem im Industriegürtel
rund um den Stadtkern lebten. Sie identifizierten sich mit der sozialistischen
Epoche und träten konservativ für einen starken Staat ein.
„Die dritte Gruppe wohnt in den Schlafstädten am Rande
St. Petersburgs“, erklärt Mogiljewskij. „Das sind Bewohner einer beliebigen
Großstadt, oft sozial gut gestellt und gebildet. Sie interessieren sich
vor allem für ihre Lebensbedingungen. Zu St. Petersburg haben sie kaum
eine Beziehung und fahren wegen des schlechten Nahverkehrs höchstens einmal
im Monat ins Zentrum.“ Diese drei Gruppen bewerteten die Geschichte der
Stadt und ihre Zukunft vollkommen unterschiedlich. „Das Problem ist, dass
die Macht in St. Petersburg seit Jahren nichts unternimmt, um die Klüfte
zu überbrücken“, sagt Mogiljewskij. „Es fehlen eine umfassende Idee und
eine mutige Reformpolitik, die den Dialog mit den Menschen sucht.“
Nina Alexejewnas Dialog mit der Macht beschränkt sich
auf Flüche, wenn sie eine unerklärliche Mieterhöhung für ihre Stadt-Kommunalka
bekommt. Der Großteil des Lebens der 53-Jährigen gliedert sich in Ein-
und Auszüge, Streitereien und Todesfälle. An den Sommer, als die Michajlowa
vom Zimmer gegenüber verschwand, erinnert sich Nina noch genau. „Meistens
war sie betrunken und stand morgens auf wie eine Salzgurke“, erzählt sie.
Als lange Zeit keiner mehr die Michajlowa auf dem Weg zur gemeinsamen
Toilette oder zur Küche gesehen hatte und sich ein seltsamer Geruch auf
dem Flur breit machte, brachen Polizisten der Revierwache die Zimmertür
auf. „Das hat vielleicht gestunken!“, ruft Nina aus.
Der städtische Leichendienst kam nicht, da er am Freitagabend
schon ins Wochenende gegangen war. Die Kommunalka-Bewohner flüchteten
sich in ihre Zimmer. Drei Tage lebten sie mit Michajlowas Leichnam. Dann
durchliefen sie alle Stationen des Sanitär-, Hygiene- und Gesundheitsamtes,
um das verpestete Nachbarzimmer desinfizieren zu lassen. Am Ende mussten
sie es selbst bezahlen. Der Eigentümer des Zimmers hat die Möbel bis heute
nicht abgeholt. „Im Sommer“, sagt Nina, „zieht dann wieder dieser Geruch
durch die Wohnung.“
Die Kommunalka ist eine Errungenschaft der bolschewistischen
Revolution und heute der Fluch St. Petersburgs. 900000 Menschen und Millionen
von Kakerlaken leben noch immer in den einstigen Bürgerwohnungen, die
durch Mauern in kleine Zimmer unterteilt wurden. Jeder fünfte Petersburger
ist zu einer Existenz im Gestank von Toilette und vergammeltem Fisch,
im Eintopfdunst, zwischen Kernseife und trocknenden fremden Unterhosen
verurteilt. Vor allem die Armen und Alten können sich einen Umzug in eine
eigene Wohnung nicht leisten. Ein Drittel der überalterten Bevölkerung
von St. Petersburg hat Rentenansprüche. Die Kommunalka wird vielen von
ihnen zu Asyl und Altersheim.
Auch Nina hat vom Umschwung in Russland nicht profitiert.
„In den Supermarkt gehe ich wie in ein Museum“, sagt sie. Der Ehemann
ist spurlos verschwunden, und nicht einmal ein landesweiter Haftbefehl
hat ihn zur Alimentezahlung für den 12-jährigen Sohn heranziehen können.
In Ninas Zimmer stehen dicht gedrängt zwei Betten, eine Couch, ein Kühlschrank,
Andrejs Klappfahrrad und eine Schrankwand, in der alte Glückwunschkarten
zum Frauentag, Matroschka-Puppen und der Becher mit den Zahnbürsten Lebenserinnerungen
mit dem Heute verbinden.
Die gepökelte Nachbarin – Gott habe sie gnädig!
Wenn Nina überlegt, wer mit ihr zusammenwohnt, zählt
sie an den Fingern ab und wandert in Gedanken den Flur entlang. Sieben
Zimmer sind belegt. Der Kinderschänder von gegenüber sitzt jetzt glücklicherweise
ein. Und auch der Dieb, der ihr schon mal die Beute aus dem Kindergarten
im zweiten Stock anbot, in dem sie damals arbeitete, hat die Wohnung verlassen.
„Hinter der Biegung“ liegt das Zimmer von Walentina, „weiter hinten“ wohnen
zwei Russinnen, die auf dem Markt nebenan das Studiengeld ihrer Kinder
erschuften, und zur Küche zu lebt ein schweigsamer Moldawier. Über der
fleckigen Tapete im Flur verläuft ein Gewirr von elektrischen Kabeln.
Staubige Glühbirnen baumeln herab. Manche sind ausgeschaltet, denn sie
gehören dem Besitzer des anliegenden Zimmers. Nur er darf sie anknipsen.
Der Kampf um das Eigentum vergiftet häufig den Alltag
der Zwangswohngemeinschaft und führt bei manchem zu einem Erfindungsreichtum,
der ihm im sonstigen Leben abgeht. „In einer Wohnung hat sich der Mann
extra eine Schneiderschere mit kleinen Zähnchen besorgt und damit sein
Toilettenpapier abgeschnitten“, erzählt Walentina, die Nachbarin von Nina.
„So konnte er immer sehen, ob jemand heimlich von seiner Rolle abgerissen
hatte.“ In Ninas Kommunalka bringt jeder seine Papierrolle mit. Einige
Nachbarn haben ihre eigene Glühbirne in der Toilette angebracht. Das Kabel
führt in ihr Zimmer, wo sie vor dem Gang zum Klo das Licht anknipsen.
In anderen Kommunalkas hängen die Toilettenbrillen der Bewohner auf Haken
an der Wand.
Wenn Nina die Toilette zeigt, hat sie immer eine lustige
Geschichte parat. Einmal ist der hoch angebrachte Wasserkasten abgebrochen
und hat sich über einem Besucher ergossen, der gerade auf der Toilette
saß. Damals haben die Nachbarn selbst einen neuen Wasserkasten anmontiert.
Denn der Sanitärdienst der staatlichen Wohnungsgesellschaft widmet sich
statt seiner Arbeit lieber der Erpressung. Nina zeigt das benachbarte
Badezimmer. „Vor drei Wochen sind mir beim Putzen des Wasserrohres mehrere
Rostlöcher aufgeplatzt“, erzählt sie. „Anderthalb Stunden haben wir mit
Eimern das Wasser abgeschöpft, dann war der Hausklempner endlich da.“
Als Erstes reißt er das Waschbecken von der Wand, das seitdem in der Ecke
liegt. Dann sägt er das Warmwasserrohr ab, versiegelt es und verlangt
150 Dollar für eine Reparatur. Seitdem haben die Bewohner nur kaltes Wasser.
Sie treffen sich vor der offenen Badezimmertür, beraten im Dunst der Toilette,
schimpfen auf die Wohnungsgesellschaft, knüllen vor Zorn die geblümte
Schürze und gehen hilflos in ihre Zimmer zurück.
Die Küche ist mit Schränkchen und mehreren Herden verbaut.
Die Kochplatten sind den Bewohnern zugeordnet. „Ich nehme alles Geschirr
ins Zimmer mit, denn sonst bekommt es Beine“, sagt Nina. Alkoholiker in
der Wohnung versetzen jeden Topf beim Altmetallhändler gegen eine Wodkaflasche.
Oder das erste Fahrrad von Andrej, worauf sich Nina rächte, indem sie
der schuldigen Michajlowa in der Küche eine Tomate ins Gesicht klatschte
und dann Salz über den Kopf schüttete. Die gepökelte Michajlowa – Gott
habe sie gnädig! – gehört zum inneren Repertoire ihrer Kommunalka-Heldengeschichten.
Streitereien reichern die Bewohner sonst klassischerweise durch Spucken
in den Suppentopf, Durchtrennen des Klingelkabels oder Vergiften der Katze
an. „Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich gern ausziehen“, sagt Nina
trotz aller Erzählfreude an den skurrilen Legenden. „Einmal im Leben in
eine eigene Badewanne steigen – das ist ein Traum.“
Vor kurzem hat Nina mit ihrem Sohn zum ersten Mal den
St. Petersburger Taurischen Palast besichtigt. „Wir wohnen in einer so
schönen Stadt und schauen sie uns viel zu selten an“, sagt sie. 2400 Bauwerke,
15 Prozent der Gebäude St. Petersburgs, hat die Unesco als Denkmäler der
Architekturgeschichte eingestuft. Nur in Venedig sind es noch mehr. Der
Staat restauriert zum Jubiläum die Prachtbauten, um den Mythos des „Venedigs
und Palmyras des Nordens“ wiederzuerwecken. Doch viele der 2000 Wohnhäuser
unter Denkmalschutz verfallen.
Als „Hauptstadt der Kultur“ firmiert St. Petersburg
seit einigen Jahren in Russland. Doch für die bildenden Künstler der Stadt
sichern nur der Moskauer Kunstmarkt und, besser noch, der europäische
mit seinen fünfmal höheren Preisen das Leben. Anfang der neunziger Jahre
hat St. Petersburg eine kreative Explosion vor allem jener Künstler erlebt,
die schon in den letzten Jahren der Sowjetunion zur Parallelkultur der
Stadt gehörten. Doch viele sind weggezogen und haben die Kulturszene in
einer gemütlichen und aufgeweckten Provinzialität zurückgelassen.
