Tatjana Flade
Eine Zwangswohngemeinschaft wieder Willen
„Eine Kommunalka ist wie eine Familie – im Gute wie im Schlrchten“
Es gibt sie noch, die geliebte und gehasste russische
„Kommunalka“, die Gemeinschaftswohnung. Zwar ist diese typische Wohnform
aus den Anfangszeiten der Sowjetunion auf dem Rückzug, aber vor allem
im Zentrum St. Petersburgs hat sie sich noch gehalten. Auch in Moskau
gibt es noch einige Kommunalkas im Herzen der Stadt.
Der Flur verliert sich irgendwo im Dunkel in den Tiefen
der langgezogenen Wohnung. Vollgestellt ist er mit Kisten und Schränken,
einem Fahrrad, einer Garderobe. Die Zimmer reihen sich links und rechts
auf, eins neben dem anderen. „Sascha ist bis zum 23. verreist“, verkündet
ein großer Zettel, schief an eine Tür geklebt. Ein typischer Kommunalka-Flur
eben. Acht Zimmer hat die Wohnung im Zentrum von St. Petersburg, nur fünf
Minuten von der Eremitage entfernt. Vom Küchenfenster aus kann man sogar
den Engel der Alexander-Säule auf dem Palastplatz sehen. Acht Zimmer,
in denen acht Familien leben. Sie teilen sich die helle Küche und das
muffige Bad, in dem es nur kaltes Wasser gibt. In der Küche stehen sechs
Gasherde, in den Regalen stapeln sich Töpfe, Pfannen und Geschirr. Jelena
Fjodorowna lebt seit vier Jahren in dieser Kommunalka zusammen mit ihren
beiden Enkeln Assja und Artur, um die sie sich kümmert. Die Rentnerin
ist bewusst hier eingezogen. „Ich wollte im Zentrum wohnen und nicht alleine“,
sagt sie. Normalverdiener und Pensionäre könnten sich eine eigene Wohnung
in der Stadtmitte kaum leisten, wenn sie sie jetzt kaufen würden. Jelena
Fjodorowna hat ein großes Zimmer mit Parkettboden und fühlt sich in ihrer
„Wohngemeinschaft“ gut aufgehoben. „Die Kinder wachsen zusammen auf, wie
Geschwister. Ein Junge ist hier praktisch auf dem Flur groß geworden,
von allen erzogen.“ Seine Eltern sind berufstätig und haben nur wenig
Zeit für den Sohn. Große Konflikte hätten sie hier nicht, meint Jelena.
Einmal nur habe es Ärger gegeben, als ein Mann das Telefonkabel aus der
Wand riss, weil seine Frau ihm zu lange an der Strippe hing. „Wir haben
alle darüber gesprochen und es wieder gerichtet“, sagt die Rentnerin.
Die Mitbewohner seien in Notsituationen für einander da, zum Beispiel
als ein Mann eine Herzoperation hatte. „Eine Kommunalka ist eben wie eine
Familie – eine gute oder eine schlechte Familie“, stellt Jelena Fjodorowna
fest.
Das kann Nonna nur bestätigen. Sie wohnt mit ihrer
elf Jahre alten Tochter in einer „Mini-WG“ mit nur einer Nachbarin. Nonna
hat zwei Zimmer, die Nachbarin eines. Kommunikation findet nicht statt,
die beiden Frauen mögen sich nicht und gehen sich, so gut es geht, aus
dem Weg. „Sie putzt nicht, läuft mit ihren schmutzigen Straßenschuhen
in die Wohnung“, schimpft Nonna. Sie wollte schon der ungeliebten Nachbarin
ihr Zimmer abkaufen, aber die verlangte einen zu hohen Preis. „Wenn ich
doch endlich meine eigene Wohnung hätte“, seufzt Nonna. Sie überlegt,
ihre beiden Zimmer zu verkaufen und dafür eine andere Wohnung zu erwerben.
Eine Kommunalka ist eben eine Zwangs-WG, die Nachbarn kann man sich normalerweise
nicht aussuchen. Im Verlauf der Privatisierung haben dennoch sehr viele
Bewohner ihre Zimmer gekauft. In Zeitungen werden auch nach wie vor Kommunalka-Zimmer
zum Kauf angeboten. Zwar wollen die meisten Leute natürlich eine eigene
Wohnung haben, aber nicht jeder kann sich eine leisten, und in manchen
Kreisen wurde es sogar schick, in einer Kommunalka zu hausen.
Allein im Stadtkern von St. Petersburg sind nach Angaben
der Behörden etwa 60 000 von 190 000 Einwohnern in einer Kommunalka zu
Hause. „In den zentralen Bezirken –Petrogradskij, Admiraltejskij, Zentralnyj
und Wassiljewskij Ostrow – leben insgesamt etwa 20 Prozent der Bevölkerung
in Gemeinschaftswohnungen“, berichtet Alexander Rewkow, stellvertretender
Verwaltungsdirektor im Admiraltejskij-Bezirk. „Früher gab es natürlich
viel mehr, vor allem nach dem Krieg.“ Wohnraummangel war ein Dauerproblem
in der Sowjetunion. Die Menschen, die zum Arbeiten in den großen Fabriken
und Werften in die zweitgrößte russische Stadt geholt wurden, mussten
sogar in Kellern oder auf Dachböden hausen. Unter Stalin wurde viel gebaut,
aber es reichte immer noch nicht für alle. Nach einer Planung von 1985
sollten bis zum Jahr 2000 alle Familien eine eigene Wohnung bekommen.
„Das war damals real“, meint Rewkow. „Doch dann wurde weniger gebaut.“
Nach der politischen Wende fehlte das Geld. Nun ist geplant, bis 2010
alle Kommunalkas aufzulösen. Nach Auffassung Rewkows sind die WGs sogar
ein Gesundheitsrisiko. „Viele Menschen leben schlechter als früher, ernähren
sich schlechter. Seit Anfang der 90er Jahre nehmen die Tuberkulose-Erkrankungen
zu, und das ist vor allem in den Kommunalkas ein Problem“, berichtet der
Verwaltungsexperte. Denn dort leben oft die ärmeren Schichten der Bevölkerung
dicht aufeinander. „In manchen Kommunalkas sind 20 und mehr Personen untergebracht“,
sagt Rewkow. Um die WG-Bewohner umzusiedeln, baut die Stadt Sozial- und
Eigentumswohnungen. Finanzierungsprogramme sollen es jungen Familien ermöglichen,
sich die eigenen vier Wände zu leisten. Auch Rentner, vor allem die „Blokadniki“,
die während der grausamen deutschen Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg
in der Stadt arbeiteten, sollen von Neubauprogrammen profitieren. Die
Stadt sucht Investoren, um Wohnraum zu bauen.
Der Statistik zufolge wohnen vorwiegend ältere Menschen
in den Kommunalkas. Aber nicht jeder möchte umgesiedelt werden. „Sie bleiben
lieber in ihrem Zimmer, wollen es nicht einmal für eine Drei-Zimmer-Wohnung
eintauschen“, sagt Rewkow. „Sie fühlen sich dort wohl.“ Auch wenn in den
alten Häusern die sanitären Anlagen oft marode sind.
Tamara Alexejewna ist so ein Fall. Die Rentnerin teilt
sich mit ihrer Tochter und dem kleinen Enkel ein großes Zimmer. Früher
wohnten mehrere Familien in der geräumigen Wohnung, doch sie sind schon
ausgesiedelt worden. Zwei leer stehende Zimmer hat Tamara an Studentinnen
untervermietet. Die Stadt hat das gesamte Haus an einen privaten Investor
verkauft, es soll zu einem Einkaufszentrum umgebaut werden. Allen Mietern
wurden enge Wohnungen in Hochhäusern angeboten. Tamara Alexejewna war
nicht sehr begeistert, wurde aber unter Druck gesetzt und entschied sich
für eine Ein-Zimmer-Wohnung am Stadtrand. Mehr stand ihrer Familie nicht
zu, weil Tochter und Enkel in der Kommunalka nicht offiziell gemeldet
waren. Doch wie es in Russland eben so ist – die Umsiedlung zögert sich
heraus. Tamara Alexejewna wartet seit über einem Jahr auf den Umzugsbefehl.
